04.05.2026
Wenn man nicht mehr von seinen Schmerzen wegkommt...Könnte das passiert sein
Schmerztypen, zentrale Sensibilisierung und die soziale Realität des Schmerzes
Die soziale Realität des Schmerzes ändert sich
Unser Gehirn ist krass. 80 Milliarden Zellen, 6 Millionen Kilometer Nervenleitungen, 150 Mal um die Erde; und erst nach 25 Jahren Bauzeit fertig, aber irgendwie doch nie fertig, weil es lebenslang umgebaut und erneuert wird. Und es ist ziemlich fettig, unser fettreichstes Organ.
Das Denkstübchen ist allerdings nicht nur zum Denken da, sondern hat noch ein paar andere wichtige Eigenschaften. So ist es die ganze Zeit daran interessiert, unser Überleben zu sichern. Das macht das Gehirn, indem es die ganze Zeit Vorhersagen trifft, damit wir sicher durch die Welt gehen können. Und das Hirn trifft andauernd Vorhersagen. Jede Sekunde. Das Gehirn ist eine Antizipationsmaschine.
Wir fühlen etwas wie Liebe, da unser Hirn eine Vorhersage trifft, die uns sagen soll: „Hey ja, dieser Mensch ist eine gute Partie für dich.“
Wir fühlen etwas wie Angst, weil unser Gehirn uns mitteilen will, dass es besser wäre, nicht durch den Amazonas zu schwimmen – einfach, um unseren Organismus zu erhalten.
Ständig berechnet es, was wahrscheinlich gleich passiert – und zwar auf Basis von Erfahrungen, Erinnerungen und dem aktuellen Kontext.
Beispiel: Du hast saudurst. Auf geht’s, Wasser trinken. Danach bist du ziemlich direkt nicht mehr durstig, oder? Aber nicht, weil du deinen tatsächlichen Flüssigkeitsmangel ausgeglichen hast, der das Durstgefühl hat entstehen lassen. So schnell kann dein Durst gar nicht gestillt sein, Wasser braucht einen Moment, um im Blutkreislauf zu landen. Nein, es ist nur die Erfahrung des Gehirns: „Ah super, ich hab getrunken, gleich bin ich wieder hydriert.“
Und das Gehirn ist seit noch gar nicht so langer Zeit ein riesiger Faktor, wenn es um Schmerzen geht.
Historisch hat Schmerz mehrere soziale Realitäten durchlebt:
- Die höhere jenseitige Bedeutung von Schmerz Religion, Mystik, Aberglauben waren bei unklaren Schmerzen gängige Erklärungen und damit soziale Realität bis zum 17. Jahrhundert. Leid galt als göttliche Prüfung, Bestrafung oder dämonischer Einfluss.
- Schmerz als Schadensmelder für körperliche Prozesse Gerade Descartes hatte damals dem Schmerz zum ersten Mal eine positive Eigenschaft zugeschrieben - als Warnsignal. Damit hatte Descartes einen großen Einfluss den Schmerz aus den Klauen der Kirche zu entreißen und eine neue soziale Realität des Schmerzes einzuführen.
- Schmerz als Resultat einer Vielzahl von Netzwerken unseres Gehirns, die als „Wächter“ unseres Organismus fungieren. Mittlerweile wird Schmerz als komplexes Phänomen verstanden, was nicht allein durch Verletzungen erklärt werden kann.
Soziale Realität definiert die Psychologin Dr. Barrett übrigens so:
Physische Realität ist die materielle Welt: Baum, Wasser, Erde, Schwerkraft usw. Die soziale Realität sind Dinge, die existieren, weil viele Menschen daran glauben: Geld, Länder, Gesetze, Eigentum ...
Und so hat sich die kollektive Realität von Schmerz über die Jahrhunderte weiter und weiter verändert.
Was soll das? Warum tust du mir weh?
Wenn wir Schmerzen haben, dann kommt das nicht isoliert. Schmerz wird begleitet von Gedanken und Emotionen. Schmerzen kommen mit einer Verhaltensänderung. Schmerzen haben einen Aufforderungscharakter. Schmerzen können unvorhersehbar sein. Schmerzen haben eine psychische und eine körperliche Ebene.
„Ah, es tut so weh, sie hat mich verlassen ...“
„Ah, es tut so weh, dieser dreckige Bettpfosten ... schon wieder bin ich mit meinem Fuß dagegengeballert.“
Schmerz ist weird
Manchmal ist es offensichtlich, warum die Natur Schmerzen eingerichtet hat. Als natürlichen Schutz. Wenn ich auf die heiße Herdplatte greife und nicht wegziehen würde, wäre das blöd. Schmerz führt also zu der Aktion, dass ich meine Hand schnell wieder wegziehe.
Manchmal kann es aber auch sein, dass extreme Verletzungen keine Schmerzen verursachen.
Dazu mal ein paar Beispiele:
Dieser Skilehrer hat sich beim Off-Piste fahren in Kanada einen Ast quer durchs Maul gerammt. Hat davon aber erst was gemerkt, als er unten ankam und er von Leuten darauf aufmerksam gemacht wurde.
Veteranen, denen in Kriegssituationen extreme Verletzungen widerfahren sind, die aber keinen Schmerz spürten.
Oder eben genau das Gegenteil: Menschen, die nicht wissen, warum sie Schmerzen haben. Ist ja eigentlich alles in Ordnung.
Oder Leute mit derselben Verletzung, aber absolut unterschiedlichen Schmerzantworten:
Stell dir einen Rennradfahrer vor, der 3 km vor dem Ziel auf der letzten Etappe stürzt und sich das Schlüsselbein bricht. Was macht der? Der steht einfach auf und fährt das verdammte Rennen zu Ende – und zwar ohne große Schmerzen.
Jetzt im Vergleich ein Freizeitradler, der hinfällt und sich ebenfalls das Schlüsselbein bricht. Der verspürt sofort große Schmerzen und geht in die Notaufnahme.
Der einzige Unterschied: der Kontext. Schmerz ist extrem kontextabhängig.
In der Schmerzentstehung wirken nicht nur körperliche, sondern auch soziale und psychische Faktoren mit hinein.
Schmerzschwellen sind keine fest „programmierten“ biologischen Konstanten, sie sind sowohl vom Kontext abhängig als auch veränderbar. Zum Beispiel gibt es folgende ganz interessante Untersuchungen dazu:
- Hitzereize, die mit rotem Licht gepaart werden, werden doppelt so intensiv empfunden wie mit blauem; das Gefahrensignal „rot“ verändert die Intensität der inneren Wahrnehmung (Moseley & Arntz, 2007).
- Wird ein Experiment „Studie zu Unbehagen“ genannt anstatt „Studie zu Vasokonstriktionsschmerz“, lassen Menschen ihre Hände dreimal länger im Eiswasser; die bedrohlichere Instruktion verändert die Schmerztoleranz und das Verhalten (Hirsch & Liebert, 1998).
Das müssen wir verstehen
Das Erste, was also klar wird:
- Schmerz ist nicht gleich Schaden
- Die Stärke des Schmerzes ist nicht proportional zur Schwere der Verletzung
- Schmerz wird durch viele Faktoren beeinflusst
Strukturelle „Pathologien“ finden sich bereits bei 97,4 % schmerzfreier junger Männer im Alter von 17 bis 25 Jahren (Hald et al., 1995). Weder zum Untersuchungszeitpunkt noch sechs Jahre später gibt es relevante Zusammenhänge zwischen Kernspinbefunden der Wirbelsäule und Rückenschmerzen (Kasch et al., 2022).
Und darum soll es jetzt gehen:
Was ist, wenn Schmerz selbst das Problem wird? Und es gar nicht mehr um eine Verletzung oder sonstigen Schaden geht?
Und das gibt es häufig bei chronischen Schmerzen.
Dann kann es in einigen Fällen sein, dass Schmerz eben keine Folge mehr ist, sondern ein eigener Zustand. Ein „Krankheitsbild“.
Wenn es zu Fehlern in der Schmerzverarbeitung kommt, dann spricht man von zentraler Sensibilisierung.
Schmerz kann ganz allgemein in drei Kategorien eingeteilt werden:
- Nozizeptiver Schmerz Wenn es zu Schmerzen kommt, aufgrund von Verletzungen. Ich schneide mir mit dem Messer in den Finger.
- Neuropathischer Schmerz Wenn es zu Schäden oder Fehlfunktionen der Nerven kommt
- Noziplastischer Schmerz In diese Kategorie fällt die zentrale Sensibilisierung. Es kommt zu Veränderungen in der Schmerzverarbeitung
Zentrale Sensibilisierung
Manchmal kann es zu Fehlern im Schmerzsystem kommen. Dann verliert Schmerz seinen Zweck.
Zum Beispiel kann sowas hier passieren: Nach einer gewissen Zeit – etwa 4 bis 12 Wochen – sollte eine Verletzung wieder verheilt sein. Dann nimmt der Schmerz ab. Wenn der Schmerz aber weiterhin bestehen bleibt, viel länger als man erwarten kann, dann verliert der Schmerz seinen Zweck und wird durch Veränderungen im Nervensystem aufrechterhalten.
Das kann auf verschiedene Weisen passieren.
- Nach einer echten Verletzung oder starken Schmerzphase
- Durch viele kleine Belastungen und Stress über lange Zeit dauerhafter Stress, Schlafmangel, emotionale Belastung, Bewegungsmangel oder monotone Belastung, dauerhafte Anspannung, Überforderung
- Schmerzlernen durch Angst, Aufmerksamkeit und schlechte Erfahrungen - Man bekommt gesagt: „Dein Rücken ist kaputt.“ - Man erlebt wiederholt starke Schmerzepisoden. - Bewegung wird mit Gefahr verknüpft. - Man scannt ständig in den Körper hinein. - Das Gehirn lernt dadurch: Bewegung = potenzielle Gefahr. Dadurch können selbst harmlose Reize irgendwann Schmerzen triggern.
- Sensibilisierung ohne klare strukturelle Ursache - langer Erschöpfung - Burnout-artigen Phasen - chronischem Stress - Infekten - Schlafstörungen - emotional belastenden Lebensphasen - Hier steht weniger eine lokale Gewebeschädigung im Vordergrund, sondern eher ein überlastetes Regulationssystem.
Wie entstehen Schmerzen
Um zu verstehen, was da im System dann schief läuft, lass uns kurz anschauen, wie Schmerz entsteht. Unser Nervensystem und Schmerz sind eng miteinander verbunden. Wir haben das periphere und das zentrale Nervensystem. Alle Nerven, die außerhalb der Wirbelsäule und des Gehirns liegen, bezeichnet man als periphere Nerven.
Das Gehirn steht im Zentrum. Es empfängt, liest und interpretiert die Informationen, die ankommen, und entscheidet: Schmerz oder kein Schmerz – Mega-Schmerz oder Mini-Schmerz.
Im Gewebe, am Ende der Nervenfasern, sitzen Sensoren. Diese Sensoren reagieren auf Druck, Bewegung, Chemikalien usw. In der folgenden Abbildung siehst du das Ende einer Nervenzelle, die zum Beispiel bei dir in der Hand sitzt.
Dann werden die Informationen aus der Peripherie, zum Beispiel der Hand, zum Rückenmark weitergeleitet. Hier werden die Informationen auf eine andere Nervenzelle übertragen und ans Gehirn weitergegeben.
Wichtig: Es gibt keine Schmerzrezeptoren. Das Gehirn macht sich aus den Informationen (Zug, Druck, Hitze, komische chemische Stoffe, die da nicht hingehören, Blut da, wo es nicht hingehört, Entzündungsstoffe, totes Gewebe ...) ein Bild und interpretiert dieses.
Akuter vs. chronischer Schmerz
So würde das normalerweise ablaufen.
Wo kommt es jetzt aber zu Fehlern in dieser Kette, wenn Schmerz das eigentliche Problem wird?
Stell dir vor, du sitzt in eingefallener Position da. Irgendwann korrigieren wir zum Beispiel durch die Arbeit unserer Druckrezeptoren „unbewusst“ unsere Körperhaltung, sowohl bei längerem Sitzen als auch im Schlaf. Stell dir vor, du würdest den ganzen Tag auf derselben Pobacke sitzen, ohne dich zu bewegen. Dann sitzt du dich am Ende noch wund.
Reagieren wir aus irgendeinem Grund auf diese Korrekturprozesse auf Reflexebene nicht, dann „betritt Schmerz als Gefahrenmelder die Bühne“ und übernimmt die Kontrolle. Wir empfinden dann ein kleines Unbehagen und bewegen uns schon aus dieser eingekauerten Position heraus.
Das wäre eine normale Reaktion. Unnormal ist es, wie auf der rechten Seite abgebildet. Ich sitze vornübergebeugt da und mein Nervensystem macht daraus Alarm. Eine viel zu dolle Schmerzantwort auf einen eigentlich harmlosen Reiz.
Veränderungen auf 3 Ebenen
1. Veränderungen am Nervenende in der Peripherie (Hand etc.)
Bei chronischem Schmerz wird eine erhöhte Anzahl der Sensoren in der Wand der Nervenenden festgestellt. Außerdem bleiben die „Tore“ länger offen. Also bleiben die Sensoren länger empfänglich für die Reize, die sie wahrnehmen.
Das Gute ist allerdings: Unser Körper ist plastisch. Der Körper verändert sich die ganze Zeit. Umbauprozesse, Absterben und Wiederaufbauen. Sensoren haben nur eine kurze Lebensdauer und werden stetig durch neue ersetzt. Das heißt, auch das Schmerzempfinden ist veränderbar! Dein Schmerzniveau ist nicht für den Rest deines Lebens festgelegt.
2. Anpassungen auf Ebene des Rückenmarks
Das Rückenmark kannst du dir auch als Lautstärkeregler vorstellen.
Der Nerv, der von der Hand aus kommt, zieht ins Rückenmark. Dort gibt er seine Informationen an einen zweiten Nerv weiter, der im Rückenmark startet und ins Gehirn zieht.
Diese Schaltstelle dieser zwei Nerven nennt man Synapse. Und dort kannst du dir vorstellen, sitzt eine Art Lautstärkeregler, der bestimmt, wie stark die Schmerzmelodie gespielt wird.
Hier kommt es bei chronischen Schmerzen und zentraler Sensibilisierung dazu, dass die Kommunikation zwischen den beiden Nerven zu krass wird. Wie?
Bei chronischem Schmerz werden zum einen mehr Botenstoffe gebildet, die das Signal von der einen zur anderen Nervenfaser transportieren, und zum anderen mehr Tore in die empfangende Nervenzelle eingebaut. Mehr Signale, die einfacher zum Hirn gelangen können.
3. Anpassung auf Ebene des Gehirns
Im Gehirn sind dann mehrere Areale aktiv, die an der Verarbeitung und Interpretation der Signale beteiligt sind. Das Schmerz-Connectom oder die Schmerzmatrix. Diese Areale kommunizieren stark miteinander. Auf kleinen Kommunikationsstraßen. Also Nerven, die diese Areale miteinander verbinden.
Stell dir das so vor: Wenn du einmal durch eine zugeschneite Wiese gehst, dann siehst du kaum einen Pfad. Gehst du aber 1000 Mal durch die Wiese, dann hast du einen deutlichen Weg!
Im Gehirn ist es auch so: Je öfter die Straßen benutzt werden, desto besser können sie befahren werden und desto einfacher wird es, Schmerz auszulösen.
Fazit
Vielleicht liegt genau hier die Zukunft des Schmerzverständnisses.
Nicht:
- Schmerz als Defekt,
- Schmerz als Bestrafung,
- Schmerz als simples Schadenssignal.
Sondern Schmerz als Schutzsystem. Als Wächter des Organismus.
Ein System, das versucht, uns zu schützen — manchmal sinnvoll, manchmal übervorsichtig. Und genau deshalb ist Schmerz veränderbar.
Denn Nervensysteme können lernen. Sie können sensitiver werden.
Aber sie können auch wieder Sicherheit lernen. Das macht Hoffnung.
Nicht im Sinne von:
„Alles ist psychisch.“
Sondern im Sinne von:
Der Mensch ist komplexer, anpassungsfähiger und veränderbarer, als wir lange gedacht haben.