03.02.2026
Bring den Wolf zurück in dein Leben und besiege deine Schmerzen
Training bei chronischen Schmerzen – was deinem System wirklich fehlt, was hilft und warum es hilft
Training mit chronischen Schmerzen
Vor ein paar Tagen bin ich über ein interessantes Paper gestolpert. Die Autoren sagen, dass du nicht unbedingt bestimmte Dysfunktionen und Schwächen am Körper aufarbeiten musst, um deine Schmerzen loszuwerden. Dabei ist das doch so im Trend nicht wahr? Trainier deine Dysfunktionen, Asymmetrien und Schwächen auf und alles wird gut #AWG. Das Paper gibt verschiedene Wirkmechanismen an, wie sich Training positiv auf Schmerz auswirkt, auch wenn dabei gar nicht die betroffene Stelle angegangen wird. Viele denken: "Ich hab Rückenschmerzen, weil ich zu schwach bin. Wenn mein Rücken stärker wird, sollte alles wieder in Ordnung sein." Man könnte das auch anders ausdrücken: Wenn du an der Schulter Schmerzen hast und Wadenheben trainierst, dann kann sich das positiv auf deine Schulter auswirken. Warum ist das so? Warum kann Beintraining bei Schulterschmerzen helfen, ein Training der Schultern bei Rückenschmerzen oder ein Rumpftraining bei Fußschmerzen? Warum kann unspezifische Bewegung global -an anderen Stellen- helfen?
Training mit chronischen Schmerzen
Schmerz ist komplex
Um die Gründe für dieses Phänomen besser zu verstehen, muss man sich erst mal die Komplexität von Schmerz bewusst machen. Also weg vom klassischen Denken: Sobald etwas im Körper kaputt ist, habe ich Schmerzen (kaputt=Schmerz). Sobald alles wieder heile ist, ist der Schmerz weg (heile=schmerzfrei). So läufts nicht ganz. Eher so:
  1. Schmerz entsteht immer im Gehirn.
  2. Das Gehirn erhält Millionen von Infos (aus Körper und Umgebung), gleicht Dinge ab, greift auf Erfahrungen zurück und bezieht deine Emotionen mit ein.
  3. Dann kommt alles rein in die Blackbox, dein Gehirn. Die Infos werden verarbeitet und das Gehirn macht daraus entweder Schmerz oder keinen Schmerz.
Schmerz Entstehung
Reiz - Verarbeitung - Antwort
Und jetzt lass uns einmal annehmen, dein Körper, das Ökosystem Körper, mit all seinen (Sub-)Systemen die ineinandergreifen sei ein Wald.
Schmerz und die Subsysteme des Körpers
Der Körper mit all seinen ineinander verwobenen Systemen. (Lymphsystem, Gefäßssystem, Verdauungstrakt, Nervensystem, das muskuläre System, das Skelett, das Atmungssystem etc.)
Dein Körper als Ökosystem
Betrachte den Körper mal kurz als Wald - als eigenes Ökosystem das im Gleichgewicht sein muss um gesund zu sein. Kennst du das Beispiel mit den Wölfen? In einem Waldgebiet in Kanada ist der Wolf verschwunden. Daraufhin ist die Population von Bibern und anderen Wildtieren explodiert. Die Biber bauten munter Staudämme und die Flüsse traten über die Ufer. Die Landschaft veränderte sich langsam. Viele Stecklinge und Jungbäume gingen ein, weil die Pflanzenfresser überhandnahmen und alles wegfraßen. Die Böden des Waldes erodierten, der Wald veränderte sich, der Wald wurde krank. Am Ende war nicht nur ein Baum krank, sondern das gesamte System. Wenn in deinem Körper der Wolf fehlt, dann kommt es zu Problemen. Auf einmal treten die Flüsse über die Ufer, auf einmal gehen die Stecklinge ein und überschießende Reh- und Biberpopulationen fressen dir alles kaputt. Klar, man kann jetzt die Stecklinge nachpflanzen und die Flüsse befestigen, um das Problem zu beheben. Aber weißt du was das ist? Rumdoktern an Symptomen. Das eigentliche Problem ist der fehlende Wolf! Was ist also, wenn Schmerzen manchmal gar nicht daher kommen, dass etwas kaputt ist, sondern weil der Wolf fehlt?! Weil etwas fehlt? Der Wolf in deinem Körper kann sein:
  • regelmäßige Bewegung
  • ausreichender Schlaf
  • Belastungs- und Stressregulation
  • metabolische Flexibilität
  • funktionierendes Nervensystem
  • angemessene Kalorien- & Nährstoffzufuhr
Die überschießenden Biber- und Rehpopulationen, das kann in deinem Körper eine Fehlansiedlung von Bakterien im Darm sein. Eine Dysbiose. Ein mikrobielles Ungleichgewicht im Darm, bei dem nützliche Bakterien abnehmen und potenziell krankmachende Keime überhandnehmen. Über die Ufer tretende Flüsse, die absterbenden Jungpflanzen, das können in deinem Körper sein:
  • Chronische Entzündung
  • Insulinresistenz (Insulin wirkt nicht mehr richtig)
  • Bluthochdruck
  • Entgleiste Fettwerte
  • Mikronährstoffmangel
  • etc.
Krankheit entsteht durch das was fehlt (unter anderem)
Klare Anzeichen dafür, dass du ein Wolf-Problem im Körper hast, sind vielseitig. Chronische Erschöpfung, diffuse wechselnde Schmerzthemen am Körper, Schlafprobleme, Tinnitus, Magen-Darm- und Verdauungsprobleme, Gelenkschmerzen, Rücken- & Nackenschmerzen usw. In komplexen Systemen entsteht Krankheit nicht durch das, was zu viel ist, sondern durch das, was fehlt. Was fehlt dir? Das kann nicht nur innerhalb deines Körpers liegen (Mikronährstoffe etc.) sondern auch außerhalb (Tageslicht, Bewegung, Liebe, soziale Verbindungen, Ruhe, echt LEBENSmittel etc.). Und das Äußere und Innere bedingen sich dabei gegenseitig. Das sind die Tücken des modernen Stadtlebens und der Entfremdung unseres natürlichen Lebensraums und damit verbunden nicht nur alles was uns fehlt sondern auch alles was stört... (Lichtverschmutzung, Lärmverschmutzung, (E-)Smog, chronischer Stress etc.). Das sind die Tücken des modernen Stadtlebens. Wie wichtig das System ist, in dem du lebst, wird unterschätzt und ignoriert. Wenn die Umgebung nicht dem entspricht, was uns guttut und uns gesund hält. Manche Fachleute sprechen von einem "Deadaptationssyndrom", "Mismatch Disease" oder dem "Natur-Defizit-Syndrom". Also die Entfremdung vom Ursprünglichen und die damit verbundenen Folgen. Hau mal ein Fisch aus seinem Aquarium in die Wüste. Da ist ziemlich schnell klar warum es dem gerade nicht so gut zu gehen scheint. Topf mal eine Zimmerpflanze in einen sandigen Boden und stell sie in einen fensterlosen Raum. Wir vergessen das häufig bei uns selbst und leben selbst in einem Sandtopf in einem fensterlosen Raum. Zu defizitär, als dass wir florieren können. In Ordnung, um zu leben, aber zu wenig, um das Leben zu tanzen. Aber Gesundheit in urbanen Räumen, werd ich an anderer Stelle breittreten.
Mismatch Disease und chronische Schmerzen
Ursachen Mismatch-Diseases
Statt "was ist kaputt" auch mal "was fehlt mir" denken!
Statt dich zu fragen "Was ist kaputt?" könntest du dich auch mal fragen "was fehlt mir?" "Welche Regulation fehlt mir?" Und statt Symptombekämpfung zu betreiben könntest du anfangen dein System zu stabilisieren. Aber schlagen wir die Brücke zur anfänglichen Frage. Wieso kann sich ein Ganzkörpertraining positiv auf Schmerzen auswirken, selbst wenn wir gar kein gezieltes Training dafür ausführen?
1. Schmerzen sind oft kein lokales Strukturproblem, sondern ein Output des Nervensystems. Und dieses -dein- Nervensystem reagiert auf globale Signale, nicht nur auf das schmerzende Gewebe.
Gerade wenn es keine mechanische Ursache (Umknicken) oder vermehrte ungewohnte sportliche Belastung gab (oder auch sowas wie - ich hab in einer Woche bei 4 Umzügen geholfen und davor hab ich eigentlich nur 3 Wochen auf der Couch gelegen). Manchmal ist es doch so offensichtlich. Das Einzige, was du das letzte Jahr gemacht hast war von deinem Bett ins Auto, zur Arbeit und wieder zurück im Auto aufs Sofa. Und plötzlich 2 Umzüge in einer Woche, oder du musst alle deine Decken streichen. Auf einmal Knie- oder Schulterschmerzen? Ja, ich denke da könnte es einen Zusammenhang geben, wa? Etwas lokal zu "reparieren" funktioniert manchmal, aber gerade bei chronischen Schmerzen oft nicht. Je länger Schmerz besteht, desto weniger hat er mit kaputtem Gewebe zu tun

2. Training hat einen systemischen Effekt.
  • Aktivierung des zentralen Nervensystems
  • Ausschüttung von Endorphinen & Endocannabinoiden
  • Reduktion von Bedrohungssignalen
  • verbesserte absteigende Inhibition (schmerzhemmende Bahnen) (Das heißt dein Gehirn -die höher gelegenen Zentren- wirken absteigend schmerzmodulierend. Das Gehirn schickt Signale nach unten Richtung Rückenmark (absteigend) und moduliert eingehende Signale.
  • bessere Stimmung, mehr Kontrolle, mehr Sicherheit
Du machst deinen Körper (deinen Wald) mit Krafttraining und Bewegung gesünder. Je gesünder dein Wald, desto weniger Grund hat er, zu mucken.
3. Schmerz ist kontextabhängig
Im Prinzip hat das Hirn eine Aufgabe, nämlich Vorhersagen zu treffen, damit wir sicher durch die Welt gehen können. Und das Hirn trifft andauernd Vorhersagen. Jede Sekunde. Das Gehirn ist eine Antizipationsmaschine. Wir fühlen etwas wie Liebe, da unser Hirn eine Vorhersage trifft, die uns sagen soll Hey ja, dieser Mensch ist in Zukunft ein guter Mensch an meiner Seite. Wir fühlen etwas wie Angst, weil unser Gehirn uns mitteilen will, dass es besser wäre vorm Tiger wegzurennen als auf ihn zuzugehen – einfach, um unseren Organismus zu erhalten. Ständig berechnet es, was wahrscheinlich gleich passiert – und zwar auf Basis von Erfahrungen, Erinnerungen und dem aktuellen Kontext. Wenn du zum Beispiel eine Tasse anfasst, hat dein Gehirn schon vorher ein Bild davon, wie sie sich anfühlen wird: warm, glatt, rund, leicht, schwer… Wenn du zum Beispiel einen Wischmopp hochhebst #Anatoly, antizipiert dein Gehirn schon wie schwer er ungefähr ist und wie er sich anfühlt. Die Sinneseindrücke aus deiner Hand werden dann nur noch mit dieser Erwartung abgeglichen. Manchmal merken wir direkt, wenn Vorhersagen falsch sind. Bist du schon mal auf eine ausgefallene Rolltreppe gegangen und hast dich gewundert wie komisch sich das anfühlt. Das ist zum Beispiel so ein Vorhersagefehler, OBWOHL, wir ja eigentlich gesehen haben dass die Rolltreppe nicht funktioniert. Wir haben bisher 100te Male die Erfahrung gemacht, dass sich die Rolltreppe eben bewegt. Genau so verhält es sich mit Schmerz. Schmerz ist keine direkte Kopie dessen, was im Gewebe passiert. Schmerz ist eine Interpretation des Gehirns. Eine Art Bewertung: „Ist diese Situation gefährlich für mich – oder ist sie sicher?“ Wenn du trainierst – egal wo – sendest du Signale wie:
Du trainierst beim Krafttraining nicht nur Muskeln und Sehnen, sondern auch:
  • Bewegungserfahrung
  • Belastungstoleranz
  • motorisches Vertrauen
Das Gehirn unterscheidet nicht: „Ah, das war nur die Wade" sondern es registriert „Der Körper bewegt sich, spannt an, entspannt sich – und nichts Schlimmes passiert.“ Jared Powell gibt in seinem oben genannten Paper noch ein paar weitere Gründe an, wie sich Krafttraining positiv auf deinen Schmerz auswirken kann. Diese Grafik gibt einen schönen Überblick darüber:
Das alles heißt natürlich nicht, dass gezielter Input, gezieltes Training an lokalen Strukturen nicht in vielen Fällen richtig, wichtig und nützlich ist. Das ist nur eine Erklärung, warum Training und Bewegung, selbst wenn sie nicht direkt an der schmerzenden Stelle wirken - helfen können. Also noch einen Grund mehr, regelmäßige Bewegung in dein Leben einzubauen. Das ist keine Option. Wenn du keine verstaubte im Sandboden verrotende, in der Dunkelheit stehende vergilbte Zimmerpflanze werden willst, die sich alle 2 Wochen beim Physio wiederfindet und sich wundert, warum die Flüsse über die Ufer treten. Und jetzt tanz!
Deine Abkürzung in die Schmerzfreiheit
Du willst deine Schmerzen angehen – ohne Umwege? Dann nimm die Abkürzung: Mache dir jetzt einen Termin für deine kostenlose, persönliche Schmerz-Analyse. Wir schauen uns deine Situation ganz genau an – und du bekommst eine glasklare Strategie, wie du zurück in ein schmerzfreies Leben und zurück in deinen Sport kommst. Individuell. Verständlich. Umsetzbar.
Seit 2020 unterstütze ich Sportler mit chronischen Schmerzen und Problemen am Bewegungsapparat.
Kontakt
Julius Teuber
Physiotherapeut, M.Sc. Sportwissenschaftler